Eine Sprachreise (4)

Heute wird’s komisch, das vorweg. Aber ich werde erstmal wie gewohnt meine Tenne’schen Beobachtungen von mir geben. Der neue Tag startet mit einem absolut fantastischen Morgen, so was habe ich lange nicht genossen. Noch ein wenig Nebel in der Luft und Raureif auf den Autos. Das ist echter Urlaub! Kaum zu glauben, dass 300 km weiter die Bomben fallen.

Der gestrige Tag war ja schon ganz schön lang. Aber unterm Strich fand ich es ganz glimpflich und ich es ist wirklich erstaunlich, dass wir tatsächlich nahezu pünktlich angekommen sind. Das hat man bei einer Bahnfahrt nicht alle Tage, noch dazu auf diese Entfernung.

Meine geliebte Tür hat sich irgendwann salomonisch dafür entschieden, es allen Recht zu machen und auf der Hälfte stehenzubleiben. Das war allerdings auch doof, weil die Leute mit Gepäck nicht mehr so recht durchgepasst haben, was sich wiederum in einem bösen Gefluche und Gezerre niedergeschlagen hat. War aber ja nicht mehr so weit.
Dann hatte ich noch eine kleine Exkursion gestartet und dabei das Rätsel der unablässigen Wanderschaft gelöst: Zum einen ist der Speisewagen gleich nebenan. Richtig nett, gut zu sitzen und ordentliche Tische, ein wenig Ostblock-Charme, aber ich glaube da fahre ich das nächste Mal mit. Dann noch eben die zweite Klassse inspiziert: Kein Großraumwagen, sondern schnuckelige Abteile wie unsere bei der DB, nur mit 4 statt 6 Sitzen. Also massig Platz. Das könnte eine echte Alternative zum Speisewagen sein.

Zum anderen muss man natürlich auch selbst irgendwann Pipi machen. Und da löst sich das Rätsel der inkontinenten Polen auf: Natürlich wollen die alle eine rauchen! Das kennt man ja bei uns gar nicht mehr, aber hier scheint es allgemein geduldet. Zumindest interessiert der blinkende Feueralarm so gar niemanden. Genauso wie die Maskenpflicht. Ich habe noch kurz vor Berlin einen Anschiss bekommen, weil ich alleine (!) in einem 6er-Abteil sitzend (die Heizung in der 1. Klasse war kaputt, ich war daher umgezogen) die Maske halb heruntergezogen hatte. Hier interessiert das ganz offensichtlich niemanden. Gut so, habe 3 Impfungen, sicher auch eine Infektion gehabt und die Schnauze voll, irgendwann müssen wir alle mal sterben.

In Krakau angekommen habe ich mein Hotel mit ein paar kleineren Umwegen schnell zu Fuß erreicht. Toll, wirklich mitten in der Altstadt. Und die ist RICHTIG schön! Natürlich habe ich da keine besonders feine Adresse, muss das Geld für den Sprit zur Arbeit sparen. Man könnte schießlich auch hier in Polen reichlich Kröten für saubere Bettwäsche und eine Dusche ausgeben. Aber das Apartment ist sehr geräumig, halbwegs ruhig und sauber, mehr brauche ich nicht. Und da bin ich dann auch recht schnell über meinem Buch eingeschlafen.

Heute hatte ich dann also meine erste Unterrichtseinheit. Wie oben gesagt, es war ein wunderschöner Morgen und ich hatte richtig gute Laune. Früh aufgestanden. Schön Kaffee getrunken und ein leckeres süßes Teilchen verdrückt. Die Zuckerbäckerei scheinen die Polen ja wirklich drauf zu haben (und zu lieben)!

Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, beim Aufenthalt in großen Städten mit dem e-scooter durch die Gegend zu sausen. Meistens kann man zu einem – naja, wenigstens halbwegs – moderaten Preis ein Tagesticket erwerben, das die „Öffis“ i. d. R. schlägt, zum anderen ist man viel flexibler. Außerdem macht es einem Kindskopf wie mir natürlich Spaß! Zu diesem Zweck habe ich im Vorfeld selbstverständlich alle Anbieterapps installiert.

Also will ich heute morgen meine Fahrt zur Schule starten, ein paar TIER-Scooter stehen auch gleich am Ausgang der Altstadt. Sonst keine, es scheint der Platzhirsch zu sein. Egal, ich bin ja registriert, will das Ding freischalten und siehe da: „Paypal-Zahlung nicht möglich – kontaktiere den Service!“. Nun, man kann ja die Zahlungsmethode auch umstellen, bezahle ich halt per VISA. Dachte ich. Es muss aber die bei google hinterlegte VISA-Kartennummer sein, einfach irgendeine eingeben geht nicht. Und an die bei google habe ich mangels Bedarf selbstverständlich seit Jahren nicht mehr gedacht. Sie ist also völlig out und abgelaufen.

Macht ja aber nix, heutzutage kann man auch auf dem Gehsteig stehend Bankgeschäfte erledigen. Also die aktuelle Karte bei google registriert. Das ging auch ohne Murren, aber zurück bei TIER lässt sich die Kartennummer nicht in das entsprechende Feld eintragen. Wenn man dann kapiert hat, dass man das Smartphone im Querformat halten muss damit es passt, kommt der nächste Haken: Als einzige Firma dieser Welt akzeptieren die nicht einfach die Standardüberprüfung, sondern wollen eine Testabbuchung über 0,- € durchführen. Ja bitte, dann macht das doch einfach, ich muss jetzt wirklich mal langsam los!

Klar, es war nicht zu schaffen: Man kann auf Gehwegen so einiges machen, aber mal eben auf die Schnelle eine Kreditkartenbelastung freigeben, ohne überhaupt die Kreditkarten-App zu haben, das überfordert mich dann doch.

Also musste jetzt eine Alternative her, und zwar schnell! Nach Taxi sieht das hier jetzt gerade nicht aus, für einen Montagmorgen erstaunlich wenig Verkehr. Es rauscht auch hin und wieder eine Straßenbahn vorbei, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, woher sie kommt und vor allem wohin sie fährt. Da fällt mein Blick auf einen ziemlich schrottigen e-Scooter von LIME, der sich hinter der ganzen TIER-Armada versteckt hat. Ein Aschenputtel sozusagen. Den nehm‘ ich doch einfach, Hauptsache er fährt!

Selbstverständlich folgt aber schon gleich der nächste Haken in meinem Plan: Navigieren mit beiden Händen am Lenker (bloss nicht loslassen!) und google maps in der Tasche. Hatte mal wieder nicht bedacht, dass die Handyhülle einen Magnetverschluss hat und der natürlich den Kompass völlig lahmlegt. Das GPS ist schon von Haus aus kaum zu gebrauchen. Es wird also eine lustige Gurkerei, Frau google brüllt mir immer mal wieder was aus der Hemdtasche zu, aber die kann auch kein Polnisch, somit ist die Ausgabe der Straßennamen meistens recht kurios. Also an der nächsten Ecke halten und nachschauen, ob man wenigstens noch so grob in der richtigen Richtung ist… Nach 3 von 4 zu fahrenden Kilometern kommt dann, was fast schon zu erwarten war: Der Roller wird lahmer und lahmer und schliesslich geht gar nichts mehr – Akku alle. 11 km Reichweite waren dann wohl doch etwas optimistisch geschätzt.

Immerhin bin ich auf der Zielgeraden und den letzten Kilometer mache ich locker zu Fuß. Natürlich komme ich zu spät, was mir peinlich ist. Bin halt in meinem Herzen doch ein Niemiec: Die Lehrerin ist noch gar nicht da, die kommt erst irgendwann später und in der Zwischenzeit sollen wir (es ist noch eine weitere Schülerin da, die aber schon ganz gut Polnisch kann) halt einfach mal den Einstufungstest machen. Eine Stunde für 120 Fragen. Hardcore. Vor allem, weil ich schon gesagt hatte, dass ich eigentlich blutiger Anfänger bin.

Es ist aber alles sehr nett, die Lehrerinnen kommen und dann geht es zur Sache. Drei Stunden konzentrierte Übungen bringen meine grauen Zellen ganz schön ins rotieren und ich bin ziemlich k.o. als wir fertig sind. JA, so habe ich mir Intensivkurs vorgestellt. NEIN, ich weiß nicht, ob es nicht vielleicht doch besser wäre, von dem Geld mehr Wodka für die grauen Zellen zu kaufen, um sie irgendwie anders umzubringen 😉

Über die Schule erzähle ich aber ein andermal was. Was mich heute sehr bewegt, ist die Lage in Europa und ganz konkret hier vor Ort. Zufällig habe ich auf der Heimfahrt von der Schule (ja ich habe noch einen LIME gefunden!) auf google maps die Meldung zum Hauptbahnhof gesehen: „Mehr Besucher als gewöhnlich“. Das gab mir zu denken.

In den polnischen Nachrichten kam eine Meldung über Tierschützer, die am Hauptbahnhof versuchen, für die mitgebrachten Tiere etwas zu tun. Also dachte ich, ich schaue mal nach, wie da die Zustände sind und vielleicht gibt es ja was zu helfen.

Soll ich Euch sagen, was war? Ich habe normalerweise nicht so nah am Wasser gebaut. Aber ich konnte niemanden etwas fragen, weil ich den Satz nicht fertigbekommen hätte und in Tränen ausgebrochen wäre.
Die Situation ist hier eigentlich nicht besonders schlimm, die Polen – besonders ganz viele junge Polen – sind super engagiert und machen einen tollen Job! Auch Rotkreuz und besonders Caritas haben Massenunterkünfte aufgebaut. Selbst ein Grüppchen Zeugen Jehovas sind unterwegs.

Aber die Trostlosigkeit, die hier herrscht, haut einen um. Diese Atmosphäre kann man mit Fernsehbildern nicht übertragen.

Ich bin dann erstmal zurück, um mein Filmequipment zu holen. Dachte, dass ich das kurz für Euch in ein Video fassen kann. Aber es ist schon wieder etwas spät und ich bekomme das heute nicht mehr sinnvoll geschnitten. Außerdem hätte ich Hausaufgaben machen sollen. Aber da war ich früher schon nicht gut drin ;-).

Also heute erstmal nur ein kurzer Abriss: Beim zweiten Mal auf dem Bahnhof war ich innerlich etwas gefasster und hatte ja auch meinen Auftrag: Rausbekommen, was die Tierschützer brauchen.

Mädchen mit Hund
Ein Mädchen darf sich was für ihren kleinen Hund aussuchen

Ich habe mich dann sehr nett mit den beiden Damen am „Stand“ unterhalten. Sie gehören zu keiner Organisation, sondern sind einfach nur Freiwillige. Die Zahl der täglich ankommenden Flüchtlinge ist variabel, aber es sind doch eine ganze Menge Tiere dabei. Sie stehen zwar in Kontakt mit einem Tierarzt, aber vor Ort lässt sich niemand blicken. Die meisten Ukrainer fahren weiter, in erster Linie irgendwo nach Polen, dann Italien, Frankreich und Deutschland.

Futter haben die Tierschützer genug, aber was wirklich fehlt sind Hundehalsbänder, Leinen und Transportkisten. Die Tiere werden sogar in Tüten transportiert.

Also werde ich morgen nach dem Unterricht losziehen und mal sehen, wo man das hier bekommt. Eine gute Freundin hatte neulich schon spontan finanzielle Unterstützung zugesagt, dann will ich sie mal beim Wort nehmen 😉

Für heute gute Nacht und seid echt froh, dass Ihr ein Zuhause mit einem eigenen Bett habt!

Schreibt mir gerne einen Kommentar, der Link ist links oben!

3 Gedanken zu „Eine Sprachreise (4)“

    1. Danke! Aber hier ist alles ruhig und ich sehe keine akute Gefahr.
      Hoffe nur, dass das so bleibt! Mehr Sorgen mache ich mir ums Baltikum…
      Liebe Grüße,
      Tenne

  1. So Jörg, jetzt habe ich Deine Berichte gelesen und ich frage mich, warum Du nicht Schriftsteller geworden bist.
    Ich wünsche Dir weiterhin gutes Gelingen, viel Spaß kann man nicht sagen, und komm gut nach Hause.
    Sine, die Tante aus Schwaben.

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