Eine Sprachreise (6)

Aktuell 100.000 Ukrainer in Krakau. Untergebracht, wo immer irgendwo ein Plätzchen für eine Matratze oder ein Feldbett ist. Ein altes Einkaufszentrum wurde „wiedereröffnet“, Kirchen, Sporthallen und natürlich viele private Unterkünfte. Mehrere große Zelte am Bahnhof und Klappbetten in ein paar Nebengebäuden. Meine Lehrerin meint, dass jetzt aber irgendwo eine Obergrenze erreicht ist, mehr geht nicht.

Wie war das noch in Deutschland? Wir haben schon 80.000 Flüchtlinge aufgenommen. Insgesamt. Und ächzen schon, dass es keine Plätze mehr gibt? Müssen die Verteilungsschlüssel bemühen? Ach so, es wäre nicht korrekt, jedes Plätzchen zu nutzen, das aufzutreiben ist? Es müssen da ja schließlich auch die Vorschriften eingehalten werden, und der Brandschutz, und der Komfort. Und der Staat muss den Überblick behalten und noch viel mehr Faxe abheften, als zu Coronazeiten. Was sind wir nur für ein armes Land geworden.

Ich finde es fantastisch, wie die Polen das wegstecken. Vermutlich geht ihnen der Arsch ein wenig auf Grundeis und sie kennen „die Russen“ ja traditionell auch besser als wir. Der Zusammenhalt wirkt auf mich jedenfalls großartig. Interessanterweise steht Ukrainisch dem Polnischen näher, als dem Russischen. Vielleicht spielt das ja auch eine Rolle.

Die Züge aus Osten halten wegen dieser Lage mittlerweile auch nicht mehr alle in Krakau, sondern fahren direkt weiter in die westlicheren Städte, besonders Katowice (Kattowitz). Da müsste man natürlich jetzt in erster Linie helfen. Aber da bin ich nun mal nicht.

Heute bin ich nach dem Unterricht erstmal ein wenig durch die Stadt spaziert, ein bisschen was möchte der Tourist ja auch sehen. Toll! Wirklich super renovierte Altstadt und sogar die sozialistischen Plattenbauten die sich im restichen Stadtgebiet anschließen, sind ganz erträglich aufgehübscht. Viele werden auch einfach abgerissen und durch ziemlich schicke Neubauten ersetzt. Vermutlich wird das dann aber wie überall mit der Höhe der Miete korrespondieren. Auf jeden Fall eine tolle, junge und sympathische Stadt, unbedingt eine Reise wert!

Am Nachmittag gehe ich meine bestellten Krankenunterlagen abholen und liefere auch gleich aus. Es sind nur ein paar Meter. Zum Glück, der Karton ist doch ziemlich schwer. Sicher hätte man die auch irgendwo billiger bekommen können, als in der Bahnhofsapotheke. Aber es ist keine deutsche Apotheke, umgerechnet 60 € für 300 Unterlagen finde ich noch akzeptabel. „Meine“ Tierschützer freuen sich jedenfalls sehr.

Jetzt wird es ein bisschen komplizierter. Ich versuche rauszubekommen, wohin ich die Großlieferung Katzenkörbe am besten schicken soll. Freunde haben spontan in die Tasche gegriffen und mich mit satten 1000,- € Spendengeld ausgestattet. Das finde ich fantastisch und an dieser Stelle nochmal meinen ganz herzlichen Dank! Und den der Tiere natürlich! Davon ab: Es werden nicht nur Katzenkörbe benötigt, sondern auch kleine Boxen für die Nager. Manche Leute sind mit ihrem Hamster im Gurkenglas unterwegs. Kein Scheiß!

Die Schwierigkeit bei der ganzen Spenderei ist für mich, dass ich natürlich erstmal niemandem traue. Habe sehr sehr lange alle möglichen Anbieter untersucht, bevor ich meine Patenschaft für ein Kind in Haiti abgeschlossen habe. Ausschlaggebend war für mich letztlich, dass bei Plan International am wenigsten für Verwaltung ausgegeben wurde. (Achtung Werbung: Bitte jetzt eine Patenschaft abschließen! Nur so kann diese Welt besser werden)

Die Sachspendenproblematik ist natürlich da, keine Frage. Die Leute vor Ort wissen am besten, was sie brauchen. Da muss ich nicht die dreitausendste Katzenfutterdose mit einem Transport Richtung Osten schicken, wenn die Leute einfach mit ein paar Zloty in der Hand in den nächsten Sklep gehen und sie kaufen können. Dann lieber Geld.

Geld auch für die großen Player. Nur die bekommen eine Infrastruktur wie z.B. hier auf dem Bahnhofsvorplatz gewuppt und haben dafür die entsprechenden Fachleute. Keine Frage, da ist die Spende auch gut aufgehoben. Auch wenn ein beträchtlicher Teil in Managergehältern und sonstigen Verwaltungskosten versickert. Das muss dann halt wohl so sein.

Klar aber auch, dass die ihre Pfründe verteidigen – Eigeninitiative, bloß nicht! Lass das mal schön alles das Rote Kreuz, Caritas usw. machen. Die wissen schon, was sie tun. Oder? Bequem für das gute Gewissen ist es in jedem Fall, mal eben nach dem Spendenaufruf in der Tagesschau zu überweisen. Dann hat man seine Schuldigkeit getan und andere kümmern sich um das Problem.

Und dann gibt es eben die unzähligen kleinen Helferchen vor Ort, wie in meinem Fall. Es steht keine große Organisation dahinter, die sind einfach da und packen an. Die großen Firmen habe ich an diesem Stand noch nicht gesehen. Die sind mit den Menschen beschäftigt. Auch nicht die tierschützerischen Schwergewichte wie z.B. Peta. Die haben ja auch gar nicht die Kapazitäten, um überall zu sein. Letztere kümmern sich im Moment wohl vor allem darum, die von War Paws (Hut ab vor soviel Mut!) geretteten Tiere weiterzuschaffen.

Und dann finde ich es völlig o.k., mit einer Privataktion diese lokalen Leute zu unterstützen, anstatt das Geld anonym zu spenden. Ihr solltet mal ihr Strahlen sehen, wenn man „You do a great job here!“ sagt.

Geld würde ich ihnen trotzdem nicht in die Hand drücken. Da bin ich wieder zu misstrauisch. Bin auch einfach zu lange Tierarzt mit Kontakt zu Tierschützern. Die „Guten“ sollen mir bitte nicht böse sein, aber es gibt da schon auch einen Haufen schwarze Schafe, die ihre eigene Tasche offenhalten. Oder stumpf unfähig sind, „sinnvoll“ von „vollkommen verblödet“ zu unterscheiden.

Also geht morgen die Suche nach einer zuverlässigen Lieferadresse weiter. Meine Lehrerin wird ihre Freunde nochmal befragen. Das örtliche Tierheim hat lustigerweise hier im Hinterhof des Nachbarhauses sein Headquarter, die arbeiten auch den Bahnhofsleuten zu, vermutlich eine der besten Adressen. Muss morgen mal reinschauen. Und dann bekomme ich hoffentlich morgen eine email von den Bahnhofsaktivisten, mit einer Adresse.

Zooplus Polen hat sich auch zurückgemeldet. Die Anfrage nach 100 Katzentransportkörben ist ihnen nur eine standardardisierte Supportantwort „auch-wir-sind-besorgt-und-unterstützen-die-Tiere“ wert. Schade. Vielleicht berücksichtigt Ihr das bei Eurer nächsten Futterbestellung.

Film wieder nicht fertig, Hausaufgaben auch nicht. Morgen fängt der Kurs auch noch früher an und ich habe selbstredend vergessen, wann. Dann baue ich hier noch wenigstens was schönes ein und sage: tschüss bis morgen!

Die Burg Wawel ist perfekt restauriert

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Ein Gedanke zu „Eine Sprachreise (6)“

  1. Guten Abend Jörg, habe seit md. 40 Jahren von Plan International immer 2 Mädchenpatenschaften. Haiti war auch dabei. Momentan sind es 2 Mädchen von den Philippinen und China.
    Viel Glück und gutes Gelingen Sine

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